Wir Kommunalen 2/2016

Die zweite Ausgabe „WirKommunalen
ist erschienen. Unter dem Titel "Ankommen in der Kommune" geht es wieder um Flüchtlingsmanagement und kommunale Praxis

 

Es gibt weitere gute Beispiele aus und Lösungen für Kommunen. Damit ist das Heft unverzichtbar für die Akteure des kommunalen Flüchtlingsmanagements in ganz Deutschland.

 

Mit Beiträgen der Bertelsmann Stiftung, des GStB RLP, der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, der Initiative D21, uvm.

 

Gute Beispiele aus Göttingen, aus Konstanz, dem Landkreis Osnabrück, aus Mannheim und aus Neuruppin.

 

WirKommunalen 2/2016 für 5,- EUR zzgl. Versandkosten bestellen unter: vertrieb@nwmd.de

 

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Auszüge aus Heft 2/2016:

Wir Kommunalen 1/2017

Die dritte Ausgabe WirKommunalen

beschäftigt sich mit dem Zusammenleben mit den neuen Nachbarn. Mit diesem Heft beschließen wir zugleich unsere kleine Reihe zum kommunalen Flüchtlingsmanagement.

 

 

Den Auftaktbeitrag steuert dieses mal das Difu bei. Eine wichtige Frage ist, wie Städtebau erfolgreiche Integration befördern kann?  Zum Thema Arbeitsmarkt-integration von Geflüchteten stellen wir das Jobkraftwerk vor und schauen auf eine Tagung von Jobcentern. Für viele Kommunen wichtig ist auch, wie aus Ausländerbe-hörden Wilkommensbehörden werden.

 

Auch hier stehen praktische Lösungsideen für Städte und Gemeinden im Mittelpunkt. 

 

WirKommunalen 1/2017 für 5,- EUR zzgl. Versandkosten bestellen unter: vertrieb@nwmd.de

 

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Auszüge aus Heft 1/2016:


ANGEKOMMEN – UND NUN?

Die neue Einwanderung der Flüchtlinge ist Chance und Lernprozess für eine vielfältige Gesellschaft

Foto: Digital Storm/Shutterstock.com

Es war eine ungeheure Leistung, was Kommunen und Ehrenamtliche im letzten Sommer und in den vergangenen Monaten geleistet haben. Auch wenn das Verhältnis von Flüchtlingen an der deutschen Gesamtbevölkerung nur ca. 1:80 beträgt (anders als beispielsweise in Jordanien mit dem Verhältnis 1:4): Die Herausforderungen, so viele Flüchtlinge unterzubringen und zu betreuen, waren groß.

 

„Wir waren zeitweise so durch die Tagesaufgaben aufgerieben, dass wir kaum Zeit hatten, die Perspektiven und die Chancen zu sehen, die eine Integration von Flüchtlingen mitbringen würde“, brachte es Krefelds Oberbürgermeister Frank Meyer auf den Punkt (am 26. August 2016).

 

Bei allen improvisierten Übergangslösungen hat es doch insgesamt erstaunlich gut geklappt. Ohne dass Ehrenamt und Hauptamt dieses große Engagement an den Tag gelegt hätten, wäre vieles schief gegangen. Und trotz vieler Ängste und Proteste hält das Engagement vieler Ehrenamtlicher an.Laut der qualitativen Studie „Koordinationsmodelle und Herausforderungen ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe in den Kommunen“ sind die Helfer weiterhin im Einsatz und hoch motiviert.

 

Kommunen im Integrationsmodus

 

Ankommen, ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken – und was kommt dann? Längst rückt in den Kommunen die Frage der Integration in den Fokus. Laut einer Umfrage des Instituts DESI ist die Mehrzahl der Kommunen bereits im Integrationsmodus angekommen: So „stellt sich die große Mehrzahl der Kommunen bereits zu Beginn des Jahres 2016 der Aufgabe, die Geflüchteten und Zugewanderten zu integrieren“ (DESI 2016).

 

Auch wenn die Flüchtlingszahlen drastisch zurückgegangen sind, von ca. 1,1 Millionen in 2015 auf voraussichtlich ca. 350.000 Ende 2016, so ist es gerade jetzt wichtig, die Integration der Geflüchteten in Angriff zu nehmen und die Abläufe in allen Handlungsfeldern zu verbessern.

 

Arbeit, Sprache und Bildung sind Schlüssel zur Integration. Darüber hinaus geht es aber auch um andere elementare Belange. So sind nach Schätzungen 40 Prozent der Geflüchteten traumatisiert, aber es gibt längst nicht genug Beratungsstellen für die Behandlung von Traumata. Auch die gesundheitliche Versorgung ist noch eine Baustelle. Laut Studien würde eine Gesundheitskarte für Geflüchtete die Gesundheitsversorgung vereinfachen, die Schritte zur Behandlung beschleunigen und auf mittlere Sicht Kosten sparen. Trotzdem stockt ihre Einführung vielerorts. Denn es gibt noch keine bundesweite Übernahme der Kosten, und die Kommunen scheuen kurzfristig die Kosten bzw. können sich diese nicht leisten.

 

Die Unterbringung ist ebenfalls elementar. Auch wenn die meisten Turnhallen aufgrund der sinkenden Zahlen inzwischen wieder geräumt werden, so ist noch längst nicht überall für eine gute Unterbringung oder Wohnsituation gesorgt. Während die Städte in Ballungsräumen unter knappem Wohnraum leiden, sehen viele Gemeinden im ländlichen Raum die Neuzuwanderer als Chance, den demografischen Wandel abfedern zu können.

 

Maßgeblich müsste hier jedoch die Situation des Arbeitsmarktes berücksichtigt werden. Mögliche Jobs und offene Stellen sind auch für Flüchtlinge das beste Argument für einen Standort. Im Prinzip müssten die Arbeitsmarktdaten mit den Daten über Geflüchtete verknüpft werden können.

 

Aber wie steht es um die Arbeitsmarktintegration? Inzwischen ist die Euphorie des Sommers 2015 einer Ernüchterung gewichen. Nur 21.000 der Flüchtlinge vom letzten Jahr konnten inzwischen in Arbeit vermittelt werden. Noch immer sind viele zum Nichtstun verpflichtet, weil sie häufig über ein Jahr auf ihr Asylverfahren warten. Auch wenn das Bundesamt durch die Einstellung vieler zusätzlicher Kräfte inzwischen viel schneller entscheidet als 2015, dauert es noch einige Zeit, bis der Antragsberg von mehreren hunderttausend abgeräumt sein wird.

 

Ehrenamt ist unverzichtbar, aber nicht hinreichend

 

Gleichzeitig hat sich schon einiges getan. Diejenigen Flüchtlinge, die eine „gute Bleibeperspektive“ haben – also aus Syrien, Iran, Irak und Eritrea kommen – dürfen an den Sprach- und Integrationskursen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) teilnehmen. Das ist erfreulich, jedoch gleichzeitig für diejenigen Flüchtlinge, die beispielsweise aus Afghanistan kommen, problematisch. Denn obwohl fast die Hälfte von ihnen eine Anerkennung ihres Asylverfahrens erwarten kann, haben sie keinen Zugang zu den BAMF-Sprachkursen. Hier sind die durch Projektmittel geförderten, durch viele Ehrenamtliche und freie Träger durchgeführten Sprachkurse unverzichtbar, aber längst nicht hinreichend. Ein wichtiger Schritt war vor allem der im neuen Integrationsgesetz verankerte Abschiebeschutz von Jugendlichen, die eine Ausbildung machen.

 

Viele Herausforderungen bleiben. So bringen beispielsweise viele Flüchtlinge zwar keine abgeschlossene Berufsausbildung mit, wie sie in Deutschland Standard ist, jedoch wertvolle Kenntnisse und Erfahrungen. Derzeit arbeiten die Bundesagentur für Arbeit und die Bertelsmann Stiftung an einem Verfahren, auch nicht formal erworbene Kompetenzen zu erkennen und zu zertifizieren.

 

Strategische Netzwerkarbeit vor Ort ist wichtig

 

Eine Herausforderung sind die unklaren und nicht aufeinander abgestimmten Abläufe. Hier ist der Aufbau einer strategischen Netzwerkarbeit vor Ort wichtig, an der viele unterschiedliche Akteursgruppen zusammenarbeiten: von Stadtverwaltung über Ausländerbehörde, Arbeitsagentur, Jobcenter, freien Trägern, Migrantenorganisationen und vielen Initiativen ehrenamtlicher Helferinnen und Helfern. Nur so können vor Ort gegenseitige Transparenz über Daten und bestehende Angebote hergestellt, Prozesse aufeinander abgestimmt und verzahnt sowie klare und schnellere Abläufe entwickelt werden.

 

Gegen die steigenden Ressentiments, Ablehnung, Anschläge, Ängste ist eine klare Haltung und Kommunikation unverzichtbar. Es geht darum, klar gegen Rassismus vorzugehen und gleichzeitig die vielen vorhandenen Ängste ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Vor allem deutlich zu machen, dass es nicht um Sonderbehandlungen geht, sondern um Schutz vor Krieg und Verfolgung einerseits und um ein geregeltes Zusammenleben aller andererseits.

 

Und schließlich geht es auch darum, die wichtigen Lernerfahrungen der Integrationsarbeit in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu beherzigen. Die Kommunen und ihre Integrationsbeauftragten können inzwischen Integration. Sie haben gelernt, nicht nur in Defiziten zu denken, sondern auch

potenzialorientiert, nicht nur über, sondern auch mit Migranten zu reden und zu planen.

Dies alles gilt es, auf die Flüchtlingsintegration zu übertragen: nicht nur über, sondern mit Flüchtlingen sollte geredet werden, sie sollten nicht als hilflose Objekte, sondern als Partner betrachtet werden. Hierbei können die längst gesettelten Migrantinnen und Migranten und ihre Organisationen wichtige Brückenbauer sein.

 

So schwierig die Situation in den letzten Monaten war, sie ist ein wertvoller Lernprozess für die ganze Republik. Dieser kann und wird viele Prozesse beschleunigen. Daher ist die Flüchtlingsintegration auf mittlere Sicht nicht nur für die Geflüchteten, von denen viele hier bleiben und Fuß fassen werden, sondern für die gesamte Gesellschaft eben auch eine große Chance.

 

Claudia Walther, Bertelsmann Stiftung

 


AUCH HELFER BRAUCHEN HILFE

Koordinierungsstellen des Landes Niedersachsen unterstützen Landkreise, Städte und Gemeinden dabei, Zuwanderer einzugliedern.

Ein Beispiel aus dem Landkreis Oldenburg

Ute Frankenfeld leitet die Ko-Stelle Migration und Teilhabe.
Foto: Buschmann

 

Sie verlassen ihre Heimat oftmals überstürzt und müssen sich in einem völlig fremden Land zurechtfinden. Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, brauchen Orientierung. Der Landkreis Oldenburg hat deshalb im September 2015 eine Koordinierungsstelle „Migration und Teilhabe“, kurz Ko-Stelle, eingerichtet. Gefördert vom niedersächsischen Sozialministerium, sollen solche Ko-Stellen die Integrationsaufgaben der Kommunen bündeln: Netzwerke lokaler Akteure auf- und ausbauen, die Zusammenarbeit zwischen den Trägern unterschiedlicher Initiativen sowie die Arbeit von Ehrenamtlern fördern und koordinieren.

 

Lokalen Akteuren den Rücken freihalten

 

Im Landkreis Oldenburg sieht das beispielsweise so aus: Eine lokale Initiative wendet sich mit der Idee, einen Schwimmkurs für Flüchtlinge anzubieten, an die Ko-Stellen-Leiterin Ute Frankenfeld. Sie finanziert den Kurs aus einem eigenen Projektbudget und vermittelt Dolmetscher. Von administrativem Ballast befreit, können sich die Macher der Integrationsangebote auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren. Die Menschen im Landkreis Oldenburg sind darin äußerst aktiv: In den Gemeinden können Flüchtlinge an Koch-, Näh- oder Schwimmkursen teilnehmen. Im Angebot sind außerdem eine Selbsthilfegruppe für Männer sowie Kunst- und Musikprojekte. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringen Vorschulkindern spielerisch die deutsche Sprache bei, noch im Herbst starten mehrere weitere Aktionen. In Niedersachsen gibt es zurzeit 48 Ko-Stellen.

 

Das Land Niedersachsen finanziert dem Landkreis die Personalkosten von Ute Frankenfeld für 27 Stunden sowie 13 Stunden für eine Bürokraft. Laut niedersächsischem Sozialministerium betragen die Zuschüsse im Einzelfall bis zu 50 Prozent der Personalausgaben für eine eingerichtete Stelle unter Beachtung von Höchstgrenzen. Die übersteigenden Stundenkontingente und die Personalkosten weiterer Mitarbeiterinnen im Bereich Integration würden vom Landkreis bezahlt, erklärt Ute Frankenfeld. Darüber hinaus stellt der Landkreis 50.000 Euro für „integrative Projekte und Mikroprojekte“ zur Verfügung. Zusätzlich bemüht sich Frankenfeld um Unterstützung von Stiftungen oder öffentliche Fördermittel.

 

Im Arbeitsalltag habe sich die ländliche Struktur des Landkreises Oldenburg als großer Vorteil erwiesen, sagt Ko-Stellen- Leiterin Frankenfeld: Verwaltung, Ehrenamtliche und die bei der Diakonie beschäftigten neun Flüchtlingssozialarbeiter seien sehr gut vernetzt. „Diese Verbünde sind unser Fundament für die Integration vor Ort.“

 

Freiwilliges Engagement braucht Unterstützung

 

Nicht zuletzt ist die Ko-Stellen-Leiterin auf das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern angewiesen. „Ohne Ehrenamtliche geht gar nichts“, sagt sie. Die Freiwilligen-Agentur des Landkreises namens „misch-MIT“ hilft ihr dabei, Freiwillige zu finden und zu vermitteln.

 

Mittlerweile ist so ein großes Helfernetzwerk entstanden – darunter über 100 sogenannte Sprach- und Kulturmittler für über 40 Sprachen. Sie begleiten die Flüchtlinge zu Behörden oder zum Arzt und übersetzen meist ins Arabische, Kurdische oder in Farsi. Sobald die angekommenen Menschen als Flüchtlinge anerkannt sind und die örtlichen Jobcenter sie bei der Suche nach Jobs oder Praktikumsplätzen unterstützen, vermittelt die Ko-Stelle beispielsweise Übersetzer, wenn es Kommunikationsschwierigkeiten rund um die Anerkennung von Bildungsabschlüssen gibt. Aktuell arbeitet die Ko-Stelle Frankenfeld zudem an einem Ärzteführer. Er listet Praxen auf, in denen Mitarbeiter mit Migrationsgeschichte arbeiten und somit bei Verständigungsproblemen helfen können. Ein überarbeiteter Internetauftritt soll in Kürze Informationen für Migranten und Ehrenamtliche in mehreren Sprachen bündeln.

 

Es bleibt also genug zu tun. Weil das Land die Ko-Stellen jeweils nur für zwölf Monate fördert, endet der Vertrag von Projektleiterin Ute Frankenfeld allerdings Ende des Jahres. Der Landkreis Oldenburg kann bis Oktober einen Folgeantrag beim Land Niedersachsen stellen. Frankenfeld hat jedenfalls keinen Zweifel daran, dass es mit ihrer Arbeit weitergeht. Und politischer Wille ist es auch.

 

Ulf Buschmann

Sicherheit und Stabilität in Flüchtlings-unterkünften – Wunsch und Wirklichkeit

Ein neues Konzept soll Flüchtlinge in Sicherheitsmaßnahmen einbinden

 

Ziel der Ausbildung sind „Interkulturelle Fachkräfte für Sicherheit und Integration“.

Foto: Robert Kneschke/fotolia.com

Die Gewaltbereitschaft gegen Asylsuchende und Flüchtlinge steigt bedauernswerterweise nicht nur innerhalb der deutschen Bevölkerung, sondern auch unter den Menschen selbst, deren größter Wunsch es ist, Krieg und Gewalt endlich hinter sich lassen zu können.

 

Spannungen und Gewalt unter den Bewohnern sind oft an der Tagesordnung, kommen zwangsläufig immer dann zustande, wenn Menschen verschiedenster Herkunft und Kultur auf engstem Raum zusammenleben, besonders dann, wenn dies von unbestimmter Dauer ist.

 

Zweifelsohne stellt die Unterbringung von rund achthunderttausend Menschen nicht nur eine logistische Aufgabe dar, es ist auch eine Herausforderung an die Sicherheit. Viele der Einrichtungen werden von privaten Sicherheitsunternehmen geschützt. Am Markt gibt es zurzeit eine Vielzahl von Unternehmen, die ihre Mitarbeiter fundiert ausbilden lassen und Fachkräfte für Schutz und Sicherheit einsetzen. Doch aufgrund der vorherrschenden Situation sind diese Sicherheitskräfte regelrecht vergriffen.

 

Eine weitere Herausforderung: Für die aus Deutschland stammenden Sicherheitskräfte ist häufig auf den ersten Blick kaum erkennbar, wer aus welchem Land stammt. Serben, Mazedonier, Syrer, Iraker, Albaner, Eritreer, Pakistaner, Afghanen, Kosovaren, sie alle sprechen unterschiedliche Sprachen, haben andere kulturelle Hintergründe, Religionen, Gebräuche, Werte und Alltagsriten.

 

Die Frage ist also: Wie kann man sich anbahnende Konflikte schon vor Entstehung deeskalieren? Wie verhindert man eine mögliche Spirale der Gewalt und Frustration? Wie kann man auch kurzfristig zu neuen adäquaten Lösungsansätzen beitragen?

 

Ein neues Konzept wird derzeit intensiv in Niedersachsen auf Anregung der ADATO GmbH aus Hannover diskutiert. Es setzt auf interkulturelle Kompetenz und es verspricht Hoffnung. Dabei sollen Flüchtlinge selbst in sicherheitsrelevante Strukturen eingebunden werden, diese langfristig sogar in leitender Funktion übernehmen und steuern. Ein solcher Ansatz würde viele Vorteile mit sich bringen.

 

Interkulturelle Fachkraft für Sicherheit und Integration (IFSI)

 

Die ADATO GmbH als operativer Sicherheitsdienstleister und Bildungsträger mit zwanzig Jahren Markterfahrung stellt ein neues Ausbildungskonzept vor, das sich den vielfältigen Herausforderungen stellt. Die Ausbildung soll Flüchtlinge in sicherheitsrelevante Strukturen einbinden und dadurch sowohl deren Integration in den Arbeitsmarkt fördern, als auch die Sicherheit in interkulturellen Umgebungen gewährleisten. Zweck der Ausbildung ist demnach die Vermittlung von notwendigem Fachwissen hinsichtlich Schutz und Sicherheit, das Erlernen rechtlicher Handlungsgrundlagen, die Sensibilisierung für soziale und interkulturelle Konflikte sowie das Aneignen von in der Arbeitswelt notwendigen Handlungskompetenzen.

 

Kerngedanke des Konzepts bildet der Ausbildungskurs zur Interkulturellen Fachkraft für Sicherheit und Integration (IFSI) als eine in sich abgeschlossene Ausbildung. Das heißt, Absolventen können dem Arbeitsmarkt nach drei- bis viermonatiger Ausbildung zur Verfügung stehen.

 

Des Weiteren können sie sich, aufbauend auf ihrer Qualifikation als IFSI, in einem dafür modifizierten Ausbildungsprogramm in einem verkürzten Ausbildungszeitraum selbst zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit (FSS) weiterbilden lassen. Damit stehen sie dem Arbeitsmarkt – auch außerhalb interkultureller Arbeitsumgebungen – als Fachkräfte innerhalb überschaubarer Zeit zur Verfügung. Eine der IFSI vorgelagerte Möglichkeit besteht in einer informativen Einführungsveranstaltung innerhalb bereits bestehender Sprach- und/oder Integrationskurse der Kommunen oder der Arbeitsagenturen. Dabei wird den Teilnehmern im berufsqualifizierenden Teil des Programms ein Einblick in die Arbeitswelt des Sicherheitsgewerbes gegeben.

 

Deeskalation in interkultureller Umgebung

 

Besonderes Augenmerk aller Kurse besteht nicht nur in der Betrachtung von Konfliktpotenzial sowie dessen Deeskalation in interkulturellen Umgebungen, sondern zudem in didaktischen Methoden, welche die Proaktivität der Auszubildenden fördern. So schaffen beispielsweise Rollenspiele die Möglichkeit, reale Situationen zu simulieren und dadurch die Sensibilität hinsichtlich kritischer Situationen zu schulen und notwendigen Handlungsbedarf abzuleiten. Solche Methoden zur Förderung der Selbst- und Fremdwahrnehmung gepaart mit lerntheoretischen Herangehensweisen bilden die Basis des handlungsorientierten Unterrichts.

 

Sowohl das didaktische Vorgehen in einem interkulturellen Umfeld als auch die zu vermittelnden Inhalte stellen umfangreiche Anforderungen an die unterrichtenden Lehrkräfte. Diesen Anforderungen kann deshalb nur ein Ausbilder gerecht werden, welcher sowohl die fachliche Eignung und Interdisziplinarität als auch die kulturelle und soziale Kompetenz besitzt. So fußt das Ausbildungskonzept auf der Zusammenarbeit mit Dozenten aus unterschiedlichen Fachunternehmen und wird getragen durch den gemäß § 76 Abs. 3 BBiG anerkannten Ausbilder.

 

Politik ist gefragt

 

Für eine Umsetzung und Wegbereitung dieses konzeptionellen Ansatzes bedarf es eines neuen Berufsbildes. Im Rahmen eines Pilotprojektes könnten dabei die Grundlagen für eine Flächeneinführung gelegt werden. Entsprechende Gespräche werden dazu mit der Arbeitsagentur Braunschweig- Goslar geführt. Nach kommunalen Sprachkursen oder Einstiegskursen der Arbeitsagenturen soll die Möglichkeit geschaffen werden, eine drei- bis viermonatige Ausbildung zur „Interkulturellen Fachkraft für Sicherheit und Integration (IFSI)“ mit begleitender weiterer sprachlicher Aufschulung zu verbinden.

 

Würde eine solche Bildungsmaßnahme durch die Arbeitsagenturen oder Jobcenter finanziert, könnten nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die finanziell derzeit überforderten Kommunen davon profitieren.

 

Solche Lösungsansätze könnten zunächst auf kommunaler Ebene in Form von kleineren Pilotprojekten erprobt und idealerweise später auf Bundesebene umgesetzt werden. Der Ansatz jedenfalls trifft schon jetzt auf große Zustimmung und verspricht Hoffnung. Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, die es ohnehin – bestenfalls von Beginn an – zu meistern gilt.

 

Jürgen Rothmann, Adato Firmengruppe

 


Hilfe, wir müssen das organisieren

Um Menschen gut zu versorgen, brauchen Flüchtlingsunterkünfte auch Software. „Dispenso“ heißt ein System, das mit seinen Aufgaben wächst.

In der Flüchtlingsunterkunft Celle/Scheuen erleichtert eine Software den Helferinnen und Helfern die Arbeit.

Foto: Malteser Hilfsdienst gGmbH

Mit dem Erreichen einer Flüchtlingsunterkunft endet für viele Menschen eine lange lebensgefährliche Flucht. Noch bevor die Erschöpften Essen und einen Schlafplatz bekommen, müssen sie registriert werden. „Für unsere Gäste ist das die Zugangsberechtigung zum Gelände“, sagt Nicolai Hollander. Er ist der stellvertretende Leiter der Flüchtlingsnotunterkunft Celle/ Scheuen, ein altes Kasernengelände, das zur Unterkunft umfunktioniert wurde. Mehr als 600 Menschen leben dort im Moment.

 

Das Ende des Papierkrams

 

Im Hintergrund läuft eine riesige Logistik, die ihre Unterbringung und Versorgung verwaltet. Hollander kann jederzeit sagen, wie viel freie Betten er hat, wer gerade anwesend ist und wer nicht – Bewohnerinnen und Bewohner genau wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Möglich macht das die Softwarelösung „Dispenso“. Ziel ist nicht Überwachung, sondern Sicherheit: Müsste das Gelände evakuiert werden, wäre sofort klar ob noch jemand fehle, sagt Hollander. Doch auch im Alltag ist die Funktion praktisch. Loggt sie sich zum Beispiel jemand bei der Essensausgabe ein, für den es eine Nachricht gibt, wird er oder sie darauf aufmerksam gemacht. „Das erleichtert unsere Arbeit“, sagt Hollander. Und es sei das Ende des Papierkrams.

 

Auf Papier wäre die Verwaltung einer großen Unterkunft kaum möglich. Und sie wäre nicht alltagstauglich. Dazu ist ein gutes elektronisches Verwaltungssystem nötig. Denn die Helferinnen und Helfer vor Ort versorgen nicht nur die Geflüchteten. Sie stehen auch in täglichem Kontakt mit den Behörden – etwa mit dem Land, das die freien Kapazitäten abfragt. Oder mit dem Zoll, der regelmäßige Überprüfungen durchführt. Die Belegungsstatistiken müssen jederzeit abrufbar sein.

 

„Dispenso“ ist auf Flüchtlingsunterkünfte spezialisiert. Deutschlandweit nutzen mehr als 35 Einrichtungen das System. Und es wächst mit seinen Aufgaben: Es wird stetig den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer angepasst. Der Hersteller Nexave ruft dazu auf, sich zu melden, wenn eine praktische Funktion fehlt. „Wenn es Wünsche oder Fragen gibt, kann man einfach an uns herantreten“, sagt Sven Albrecht von Nexave. Auf der „Dispenso“-Website gibt es eine Chatfunktion, die zur unkomplizierten Kontaktaufnahme einlädt. Zudem besucht das Nexave Technikerteam auch die Einrichtungen vor Ort, um die Server zu aktualisieren oder um neuen Kolleginnen und Kollegen zu zeigen, was in Flüchtlingsunterkünften wichtig ist.

 

Zum Beispiel die medizinische Versorgung der Flüchtlinge. „Dispenso“ ermöglicht es, Impfungen, Krankheitsverläufe oder Krankenhausaufenthalte zu dokumentieren. Verlassen Flüchtlinge die Unterkunft, bekommen sie diese Unterlagen mit. „Das erleichtert ihnen später in der Kommune Besuche bei Hausärzten“, sagt Hollander.

 

Software erleichtert Arbeit

 

Er schätzt noch eine Funktion der Software: Zusatzqualifikationen von Flüchtlingen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern können im System erfasst werden – etwa Sprach- oder Sportkenntnisse. Wenn Dolmetscher gebraucht werden oder ein Sportkurs stattfinden soll, sind sie auf Knopfdruck verfügbar. „Viele kommen noch als Helferinnen und Helfer aufs Gelände, wenn sie nicht mehr in der Unterkunft leben“, sagt Hollander.

 

50 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer arbeiten in Celle. Außerdem versorgen 140 Hauptamtliche die Flüchtlinge. Ihre Arbeitszeit werde demnächst mittels „Dispenso“ erfasst – eine neue Funktion. „Für uns ist das System eine enorme Erleichterung“, sagt Hollander.

 

Alle Informationen zu „Dispenso“ auf

www.dispenso.org

 

Birgit Güll